Oktober 11, 1999 SECTION: GESELLSCHAFT; SPIEGEL-GESPRAeCH; No. 41; Pg. 196 LENGTH: 2342 words HEADLINE: "Ich bin ein Baby, das strampelt" BYLINE: Hueetlin, Thomas HIGHLIGHT: Rockstar David Bowie ueber Altersweisheit, seinen Boersengang und Tony Blair BODY: Bowie, 52, gehoert zu den Legenden des Rock'n'Roll. Anfang der siebziger Jahre erfand er die androgyne, glamouroesfuturistische Kunstfigur "Ziggy Stardust", mit der er auf der Buehne zum Symbol des "Glamrock" wurde. Als ruheloser Erneuerer hat der Brite Bowie seither versucht, Gattungsgrenzen der Popkultur einzureissen - nicht nur als Musiker, sondern auch als Schauspieler, bildender Kuenstler und Journalist. -------------------------------------------------------------------( SPIEGEL: Mr. Bowie, wann waren Sie zuletzt beim Friseur? Bowie: Letzten Dezember. Danach habe ich das Haareschneiden vergessen. SPIEGEL: Zu viele Partys? Bowie: Im Gegenteil, ich kann Partys nicht leiden. SPIEGEL: Ihr Publikum haelt Sie doch fuer das extrovertierte, "glitzernde Chamaeleon des Rock'n'Roll". Bowie: Ein Missverstaendnis. Ich bin ausser fuer ein paar Monate in den siebziger Jahren nie gerne ausgegangen. Grosse Auflaeufe sind mir unangenehm. Auf einer Modenschau zum Beispiel war ich noch nie. SPIEGEL: Interessieren Sie sich nicht fuer die Arbeit Ihrer Frau? Iman ist schliesslich eines der bekanntesten Models des 20. Jahrhunderts. Bowie: Doch, aber wenn wir uns etwas ansehen, dann sind das Museen, Kunstsammlungen und Buchlaeden. Zweimal die Woche gehen wir ins Restaurant. Ansonsten essen wir bei Freunden oder bleiben zu Hause. SPIEGEL: Das klingt sehr serioes. Haben Sie Schwierigkeiten mit dem Aelterwerden? Bowie: Ich bin froh, die Unsicherheit, die Frustrationen und den brennenden Ehrgeiz der Jugend hinter mir gelassen zu haben. Ich schreibe und arbeite heute viel konzentrierter. Man koennte also sagen, dass ich das Aelterwerden begruesse und umarme. SPIEGEL: Diese Euphorie der Altersweisheit merkt man Ihrem neuen Album "hours ..." nicht gerade an. Dort hoert man Klagen, vieles verpasst zu haben: die grosse Liebe zum Beispiel. Bowie: Der Charakter, den ich dort geschaffen habe, ist ein Mann Mitte 50, der Rueckschau haelt und merkt, dass vieles in seinem Leben nicht geklappt hat. Nur mit mir selber hat das wenig zu tun. Schauen Sie mich an: Ich bin doch eher ein Baby, das vor Glueck, Geld und Gesundheit nur so strampelt. Aber stellen Sie sich diesen Gefuehlszustand einmal als Popalbum vor. "Mir geht es so glaenzend und spitze, und alles in meinem neuen Leben ist super." Schrecklich. Niemals wuerde ich mir eine solche Platte kaufen. SPIEGEL: Taugt Glueck nicht fuer die grosse Kunst? Bowie: Die Arbeit am Melodramatischen scheint mir wesentlich interessanter. SPIEGEL: Die Melodramatik in "hours ..." strukturieren Sie wieder in der traditionellen Songform. Wollten Sie nach Ihren Experimenten mit Techno und Drum 'n'Bass wieder einmal einen sicheren Hit haben? Bowie: Ehrlich gesagt war es fuer mich erstaunlich festzustellen, dass ich ueberhaupt noch in der Lage bin, einen ganz normalen Song zu schreiben. SPIEGEL: Und damit endlich wieder einmal vorne in der Hitparade zu stehen? Bowie: Ich verkaufe ungefaehr eine Million Alben pro Jahr. Das ist seit den siebziger Das Gespraech fuehrte Redakteur Thomas Hueetlin. --- S.198 Jahren so. Eine experimentelle Platte wie "Outside" geht so oft weg wie die bekanntesten meiner Werke, wie "Station to Station" oder "Heroes". Ich habe eine sehr treue Fangemeinde, und daran aendert sich nur etwas, wenn ich ein richtig schlechtes Album rausbringe. Dann verkaufe ich auf einmal richtig viel. Werke wie "Tonight" und "Never Let Me Down" haben mich reich gemacht und trotzdem fast meine Karriere zerstoert. SPIEGEL: Warum haben Sie diese Platten ueberhaupt erst aufgenommen? Bowie: Das werde ich selbst nie verstehen. Ich kann diese Alben nicht aushalten. Man merkt ihnen an, dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich sie aufnahm, jedes Interesse an der Musik verloren hatte. Ich war nur noch ein Segment des Mainstreams, das seine Arbeit abzuliefern hatte. SPIEGEL: Wo stehen Sie heute? Bowie: Ich bin unberechenbar. Erst in den neunziger Jahren hat sich meine Karriere so entwickelt, wie es mir gefaellt. SPIEGEL: Sie wollen dem Publikum nicht nach dem Maul singen, sondern es in Aufregung versetzen ... Bowie: ... zuerst einmal moechte ich selbst aufgeregt sein. Wenn dies der Fall ist, entsteht Erfolg. SPIEGEL: Traditionell anerkannte Erfolge im Musikbusiness lehnen Sie ab. Als Sie in die "Rock and Roll Hall of Fame" aufgenommen wurden, sind Sie nicht einmal zur Aufnahmegala erschienen. Muessen Sie so etwas verweigern, um nur ja nicht in den Verdacht zu geraten, bloss ein weiteres Stueck Mainstream zu sein? Bowie: Das alles interessiert mich nicht. Ich habe ueber die Jahre nie gross den Umgang mit Leuten der Musikindustrie gepflegt, und ich habe absolut keine Lust, jetzt noch damit anzufangen. Diese Form der Organisiertheit lehne ich ab. SPIEGEL: Sie scheinen ein Problem mit Ihrer Vergangenheit und Ihrem Gesamtwerk zu haben. Wenn die Rolling Stones oder Tina Turner auf Tournee gehen, liefern sie eine Art "Greatest Hits"-Veranstaltung ab. Warum verweigern Sie Ihrem Publikum diese Art Wohltat? Bowie: Ich habe absolut kein Problem mit meiner Legende - aber ich habe nun mal keine Lust, 300-mal im Jahr "Ground Control to Major Tom" zu singen und das 30 Jahre lang. Da wird man wahnsinnig. Es gibt wohl Leute wie die Rolling Stones, die diese Art Programm mit grossem Enthusiasmus zelebrieren oder diesen Enthusiasmus wenigstens vortaeuschen koennen. Mir will das nicht gelingen. Mir kommt das Publikum sofort auf die Schliche. Wenn ich mich langweile, sehe ich gelangweilt aus. "Ground Control to Major Tom" singe ich bestenfalls noch fuer meine Frau in einer Privatvorstellung - damit sie etwas zu lachen hat. SPIEGEL: Der Einzige, den Sie noch von den ehemaligen Superstars Ihrer Generation akzeptieren, ist Bob Dylan. Der ist dafuer bekannt, dass er seine Hits von frueher heute vor dem Publikum massakriert. Besteht darin jetzt die Kunst der radikalen alten Herren - wenn man schon nicht mehr die Kultur der vergangenen Generationen fuer hinfaellig erklaeren kann, dann zerstoert man wenigstens die eigene? Bowie: Jeder Kuenstler, der seine Arbeit ernst nimmt, sollte das von Zeit zu Zeit tun. SPIEGEL: Verwunderlich, dass Sie das Wort Kuenstler wieder mit so viel Ehrfurcht aussprechen. Als Sie den franzoesischen Maler Balthus vor ein paar Jahren interviewten, erzaehlte der Ihnen doch, wie ekelhaft und praetentioes dieser Begriff klaenge. Bowie: Ich mag das Wort Kuenstler. Und was Balthus damit meinte, war eher so eine Art Insider-Snobismus. Nur wenn einer absolut ueber allem steht in der Kunstwelt wie Balthus, der eines der grossen Genies dieses Jahrhunderts ist, kann er sich eine solche Abwertung leisten. Natuerlich ist so etwas lustig - nur glauben sollte man es nicht. * Bei den Dreharbeiten zu seinem Musikvideo "The Pretty Things Are Going to Hell" im Juni 1999. SPIEGEL: Sind Ihnen bei Ihrer Arbeit oefter kuenstlerische Einfaelle in die Quere gekommen? Bowie: Natuerlich. Der vielleicht schwerwiegendste war, dass ich viele Jahre alles, was vertraut war, ablehnte, weil ich es fuer zutiefst mittelmaessig hielt. Heute hat sich mein Horizont da etwas erweitert. Ich glaube heute, dass vertraute Dinge durchaus in der Lage sind, wahr zu sein. SPIEGEL: Sind solche Einsichten nur gut getarnte Ratlosigkeit, oder zeigt sich hier bereits das, was man frueher unter der Weisheit des Alters verstand? Bowie: Es ist auf jeden Fall nicht mehr der grosse Vorteil des Jungseins, der darin besteht, alles, aber auch alles, was vor einem kam, als vollkommen wertlos abzutun. Ich kann das beurteilen, denn ich wusste alles. Alles, was wichtig war, zumindest. Und ich wusste ueber alles Bescheid. Bis mir jemand etwas Neues erzaehlte - und ich es als wertlos abtat. Bis ich loszog und es selbst herausfinden konnte. Ich wollte stets der Erste sein. SPIEGEL: Betrachten Sie heutzutage die Rastlosigkeit, mit der Sie die siebziger Jahre verbrachten - zugeschuettet unter einer Unmenge Kokain, fortwaehrend auf der Suche nach einer neuen Identitaet -, als Flucht oder als Aufbruch in ein finster-glamouroeses Abenteuer? Bowie: Auf jeden Fall beides. Ich war immer offen fuer das Extreme, und vier, fuenf Jahre lang ging in meinem Leben waehrend der siebziger Jahre alles so drunter und drueber, --- S.200 dass dieser permanente Wechsel von Persoenlichkeiten geradezu zwangslaeufig war. Ich hatte ernsthafte psychische Probleme damals. SPIEGEL: Nahmen Sie noch von der Aussenwelt Notiz? Bowie: Ich war verwirrt, aber nicht blind. Jeder Mensch, der seine Dinge vor mehr als zwei Leuten praesentiert, weiss, dass er sich in einer Art Theater befindet. Und solche Situationen haben stets etwas Kuenstliches - selbst wenn Sie als Lagerfeuer-Saenger in verwaschenen Jeans auftreten und so tun, als zelebrierten Sie mit dieser Schmucklosigkeit Integritaet, Simplizitaet und Echtheit. Wenn Sie so was vor 10 000 Leuten mit riesigen Verstaerkern tun - das ist doch mehr als bizarr. SPIEGEL: Kennen Sie eigentlich irgendeinen in Ihrem Gewerbe, der ganz dicht ist? Bowie: Nein, die meisten von uns haben einen Schaden. Es genuegt ihnen nicht, wenn zwei oder drei Leute ueber ihre Gefuehle Bescheid wissen. Es muessen stets mindestens eine halbe Million Menschen sein. SPIEGEL: Leiden Sie und Ihre Kollegen unter zu grossen Egos? Bowie: Zu kleinen. Erst die riesige Menge an Menschen gibt den Verunsicherten eine Daseinsberechtigung. SPIEGEL: Sie haben das Problem der Verunsicherung vor zweieinhalb Jahren dadurch geloest, dass Sie als erster Rockstar Ihr Werk an die Boerse gebracht haben und ueber Nacht 55 Millionen Dollar reicher wurden. Sahen Sie diesen viel kritisierten Schritt ausserdem als eine Art Kunst an, die den Rock'n'Roll entmythologisiert? Bowie: Natuerlich heisst das grosse Motto meiner Karriere "Was waere eigentlich, wenn ...?", und das hat mir die Moeglichkeit gegeben, die Persoenlichkeiten ebenso schnell zu wechseln wie die kulturellen Genres. Aber bei meinem Boersengang handelte es sich um hoechst einfachen Materialismus: Ich wollte meine Zukunft und die meiner Familie absichern, so gut es geht. SPIEGEL: Sie gehoeren also nicht zu den schwerreichen Rock'n'Roll-Stars, die nur im Privatjet reisen und dann erklaeren, sie lehnten Geld eigentlich ab? Bowie: Ich bin nicht Bruce Springsteen. Das ist nicht mein Job. Ich laufe nicht herum und halte eine Fahne in der Hand, auf der geschrieben steht: "Zerstoert den Kapitalismus". SPIEGEL: Sie schlagen also eher in die Richtung von Andy Warhol, dessen Verehrung fuer Geld so weit ging, dass er gelegentlich drin schlief? Bowie: Guter Gott. Ich arbeite und mache Geld. Was ich nicht tue, ist: arbeiten, um Geld zu machen. Das ist ein riesengrosser Unterschied. Ich kenne jede Menge Kuenstler, die sich oeffentlich als Sozialisten verkaufen und privat das Geld anbeten. SPIEGEL: Welcher Kuenstler kniet vor diesem Altar? Bowie: Sag ich Ihnen nicht. SPIEGEL: Tony Blair? Bowie: Grosser Kuenstler. Kaum einer beherrscht den grossen Maschinenraum der PR-Kunst besser als er. SPIEGEL: Sie besuchen den britischen Premierminister ja auch gerne zum Abendessen. Erzaehlt er Ihnen da auch, dass in seinem schicken neuen Nationalbild eines "Cool Britannia" Rockstars und Koeche fuer das britische Bruttosozialprodukt wichtiger seien als Stahlwerke und die Autoindustrie? * In einer Anzeigenkampagne fuer die MTV Video Music Awards, 1999. Bowie: Wir reden ueber alles - nur nicht ueber Politik. SPIEGEL: Liegt das daran, dass der Premierminister einmal in einer Band spielte, die Ugly Rumours hiess, und dass er heute noch einer Karriere im Rock-Business nachtrauert? Bowie: Wie die meisten Mitglieder seiner Generation hat Blair eine ganz enge Beziehung zur Rockmusik gehabt und kennt sich darin wirklich gut aus. Nur selbst Geld verdient hat er damit nie. Die Verbindung zwischen Pop und Politik ist also nicht so fliessend wie bei Ronald Reagan, der aus zwei Berufen einen machte. SPIEGEL: Wie steht es mit Ihrem eigenen Verantwortungsgefuehl? Spueren Sie eine Verpflichtung gegenueber Leuten, die David-Bowie-Aktien kaufen? Bowie: Das sind sehr kluge Leute, sie werden nicht enttaeuscht werden. SPIEGEL: Klingt die neue Platte "hours ..." deshalb wie eine sichere Sache, wie "Classic Bowie"? Bowie: Haette ich dieses Ziel gehabt, haette ich mich mehr an dem orientieren sollen, was zur Zeit im Radio laeuft. Dort spielen sie harten Rock. Meine Platte ist so ziemlich das Gegenteil davon. Ich bin in die entgegengesetzte Richtung gegangen. SPIEGEL: Das klingt ein wenig nach Nonkonformismus. Haben Sie nicht stets Einzigartigkeit als die meist ueberschaetzte Kuenstlertugend geschmaeht? Bowie: Dabei bleibe ich. Das Streben nach Einzigartigkeit produziert in den meisten Faellen nur Muell. Das Beste, was ein Kuenstler heute leisten kann, ist die gekonnte Reorganisation von Dingen, die wir laengst kennen. SPIEGEL: Was ist einzigartig an Ihrem neuen Album? Bowie: Der Zeitpunkt des Erscheinens. Es wird kein weiteres solches Werk in diesem Jahr geben. SPIEGEL: Wir meinten nicht das Marketing, wir meinten die Musik. Bowie: Dummerweise bin ich, was Musik angeht, mit einem geradezu enzyklopaedischen Wissen geschaedigt. Ich weiss stets, wo etwas herkommt. SPIEGEL: Und woher kommt "hours ..."? Bowie: Aus meinem frueheren Werk. Teil der Uebung war dieses Mal, dass ich mich ueber acht Monate nur mit mir selbst beschaeftigt habe. SPIEGEL: Mr. Bowie, wir danken Ihnen fuer dieses Gespraech. GRAPHICS: --- S.196 Bowie, Ehefrau Iman: "Den brennenden Ehrgeiz der Jugend hinter mir gelassen" P. GREGORY / CORBIS SYGMA --- S.198 Bowie (M.) mit Bowie-Puppen*: "Ich wollte stets der Erste sein" UMAZ / LFI --- S.200 Musiker Bowie*: "Mit geradezu enzyklopaedischem Wissen geschaedigt" MTV